Der Wiedergänger: Die vier Leben des Karl Marx


 
Missverstanden, Missbraucht, Dämonisiert - doch Marx lebt
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(TOP 50 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Der Wiedergänger: Die vier Leben des Karl Marx (Gebundene Ausgabe) In vier Abschnitte unterteilt Wolfgang Wippermann das lange Leben des Karl Marx, einen physischen und drei geistige, in denen der "Revolutionär" Marx durch sein Werk fortleben konnte. "Der Wiedergänger" versteht sich daher nicht als bloße Biografie der historischen Persönlichkeit Karl Marx, sondern auch seines Werks, das heute gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise wieder eine Phase der Hochkonjunktur erlebt. Allerdings und das ist gleich zu bedenken nimmt sich mit Wolfgang Wippermann ein umstrittener Historiker einer sehr kontroversen Persönlichkeit und ihres Lebenswerks an, das Ergebnis ist damit ein interessanter Denkanstoß und zugleich auch ein "Aufreger" der in den Details einem Weltbild Rechnung trägt, in welchem doch eine deutliche Marx-Heroisierung und fast schon Überhöhung des Historikers, Philosophen, Politikers und Ökonomen Marx zu erkennen ist. Mir persönlich fehlt in dieser Hinsicht jedenfalls manchmal eine gebührende kritische Distanz zur historischen Person, auch wenn Wippermann Marx wiederholt als Egomanen, kränklich und körperlich wenig anziehend bezeichnet. Oder anders gesagt, stilistisch hätte dem "Wiedergänger" eine eher neutrale Position besser getan, als die offensichtliche Parteinahme für Marx und sein Werk wobei gerade die Kritik ironisch wirkt.

Nun, Wippermann selbst beschreibt eingangs dass Marx Darstellung durch seine Biografen oft mehr über diese aussagt, als über die porträtierte Person und so gesehen hat er auch recht, insofern er sich hoffentlich davon nicht ausgenommen hat. Wippermanns Ausgangstheorie ist dass Marx uns auch heute noch Ansätze bieten kann, um das Weltgeschehen zu erklären und dass seine Lehre durch Leninismus und Stalinismus deformiert wurde, ja dass der "Marxismus" an sich schon nicht mehr Marx Vorstellungen entspricht, denn dieser meinte er selbst sei kein Marxist. Genauso stellt der Autor wenngleich eher hintergründig in Frage ob Marx Kernaussagen und Theorien in den von Friedrich Engels verfassten Kurzfassungen nicht bereits verfälscht sein könnten, auch wenn er Engels zu gute hält viel für das Werk Marxens getan und sich dadurch verdient gemacht zu haben.

Um mir eine Deutung von Wippermanns Absichten anzumaßen, er rät dazu Marx lieber selbst zu lesen und zu erleben, um sich eine eigene Meinung über sein Werk zu verschaffen und dabei auf möglicherweise verfälschend wirkende Verkürzungen zu verzichten. Anstatt Marx neu zu lesen, sollte er lieber überhaupt einmal gelesen werden und nach Möglichkeit eben vollständig. Allerdings und das vermisse ich persönlich wieder, Kritik an Marx Lehre und Theorien bleiben etwa auf dessen Ressentiments gegenüber Russen und Slawen beschränkt. In diesem Zusammenhang beschreibt Wippermann Marx Analyse der "asiatischen Despotie", welche umgelegt auf spätere Entwicklungen zum Teil für die Erklärung der menschenverachtenden Herrschaft Stalins oder Maos herhalten muss. Zugleich deutet er die Übernahme des zaristischen Staatsapparats durch Lenin und die Bolschewiken als Widerspruch zu Marx Lehre, denn diese konnte ja nur zu einem neuen Terror führen, da Marx sich definitiv für einen Abbau des Staats aussprach.

Gegen den Stalinismus und die staatliche Zensur missliebiger Strömungen innerhalb des Kommunismus spricht sich Wippermann scharf aus, wobei er auch vor der Demaskierung von Ikonen wie Ernesto "Che" Guevara als Fast-Faschisten nicht zurückschreckt. Die Möglichkeit eines "rot lackierten Faschismus" schließt Wippermann kategorisch aus, Vergleiche zwischen Faschismus und Sozialismus genauso. Ebenso "unkonventionell" und provokant wirkt Wippermanns Bemühen den etwa von Karl Popper propagierten politischen Pragmatismus als "Durchwursteln" zurückzuweisen und dem die Revolution gegenüber zu stellen, welche gerade durch ein Kooperieren mit politischen Gegnern jedoch verhindert werde, wenn dadurch die revolutionäre Kraft und der Wille des Proletariats durch soziale Reformen geschwächt wird. Erkennbar wird hierbei der Einfluss des Austromarxisten Otto Bauers, der die Österreichischen Sozialdemokraten in der Ersten Republik ganz in diesem Sinne aus der Regierung zurückzog und somit freiwillig auf jegliche Gestaltungsmöglichkeiten verzichtete, denn die Revolution werde kommen.

Mit dem "Weltmarkt" hat Marx schon in etwa das Phänomen beschrieben was uns heute als Globalisierung Sorgen bereitet, mit Marx Bonapartismus-Theorie lässt sich der Faschismus erklären, seine Religionskritik ist als Erklärung des Fundamentalismus interessant und das Gesellschaftsmodell das ihm vorschwebte ist eben keine Utopie sondern wissenschaftlich fundiert ein erreichbares Ideal, soweit so gut sind das in etwa die Kernbereiche die Wolfgang Wippermann als zeitlose Essenz von Marxens Werk beschreibt und auch hernazieht um die Pervertierung des Marxismus zu erklären. Marx war, wie Friedrich Engels es in der Grabesrede formulierte "vor allem Revolutionär" und diese Aussage ist auch der hintergründige rote Faden welcher "Der Wiedergänger" durchzieht, präsentiert Wippermann Karl Marx und sein Werk doch gerade als durch und durch von aufklärerischen Idealen durchdrungen, weitsichtig und vor allem revolutionär. Stilistisch also insofern gut gelungen, wenngleich der Wechsel zwischen den Erzählstrukturen von Biografien zu Ereignisberichten nicht immer allzu formschön wirkt.

Fazit:
Wolfgang Wippermann macht es Lesern von "Der Wiedergänger" nicht leicht, man erfährt zwar einiges über Karl Marx Leben und Lehre, doch man sollte keinesfalls eine reine Biografie erwarten, denn viel eher ist das Buch schon eine Abhandlung über die Entwicklung des Marxismus. Zu bemängeln ist aus meiner Sicht die fehlende kritische Distanz oder anders formuliert, die neutrale Perspektive, welche zugunsten einer mehr als überdeutlichen Parteiergreifung aufgegeben wurde.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 16. September 2009
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